Hallo Leute,
Auf die Gefahr hin, dass ich hier wieder von den Forumspezis einen auf den Sack bekomme, wollte ich euch mitteilen, dass das "Norwegen-Experiment" fuer mich gescheitert ist. Mitte des Monats gehe ich wieder nach London.
Seit gut einem halben Jahr sitze ich jetzt hier und versuche irgendetwas in Gang zu bekommen. Der Sprachkurs bei Voksneopplaering ist entweder voll (September, melden sie sich im Januar noch mal) oder zu leer (Januar, leider haben wir nicht genug Teilnehmer, melden sie sich spaeter noch mal wieder). Arbeit finde ich keine, Teilzeitjobs darf ich nicht annehmen, weil ich die Oppholdstillatelse nur fuer einen Vollzeitjob bekomme, und im Endeffekt sitze ich nur rum und kann nix machen.
Alles, was das Leben lebenswert macht, kostet mehr Geld, als wir zur Verfuegung haben. Unser Geld reicht nur fuer Miete und Essen und manchmal nicht mal das. Skifahren? Mal ins Schwimmbad gehen? Ins Cafe oder mal einen trinken? Fehlanzeige. Das Ergebnis: die totale soziale Isolation. Und nicht nur das. Nicht mal meine verschlissenen Klamotten kann ich ersetzen. Seit Monaten lauf ich schon mit nem kaputten Reissverschluss an der Hose rum, und eine neue kann ich mir nicht leisten. Ausserdem: Ich habe in Norwegen schon mal 2, 3 Tage nix zu Fressen gehabt, das ist mir weder in Deutschland, noch in England, noch in den USA oder Irland oder irgendeinem anderen Land in dem ich je gelebt habe passiert.
Dabei darf ich dann noch zuschauen, wie die selbstgerechten Norweger sich taeglich gegenseitig gratulieren, das ihr Land Nummer Eins in diesem und Nummer Eins in jenem ist und ich kann langsam nur noch verbittert drueber lachen. Ihr habt schon mitgekriegt, dass ihr ein zugefrorener Fels am Hintern der Welt seid, mit gerade mal 4 Millionen Menschen, fuer den sich kein Mensch interessiert? Nor-where? Nor-what?
Den endlosen Reichtum dieses Landes durfte ich auch schon bewundern. Wie am Parkplatz vor dem Supermarkt, der einem Schrottplatz gleicht, weil alle nur alte Karren fahren, weil es das einzigste ist, was sich die Leute noch leisten koennen bei den Preisen. Oder sie gehoeren zu den oberen Zehntausend und fahren gleich im nagelneuen Gelaendewagen vor.
Ansonsten grinsen mich die meisten meine Nachbarn mit ihren kaputten Zaehnen an, weil sie es sich nicht leisten koennen, zum Zahnarzt zu gehen, und meinen immernoch "vi elsker dette landet". Denen ist nicht mehr zu helfen.
Ueberhaupt die Monopoly-Oekonomie hier soll mir mal einer erklaeren. Klar verdient meine Freundin fuer ihren Job im Supermarkt das Doppelte, das sie vorher in England verdient hat. Nur kostet leider alles das Dreifache. Besonders besser dran sind wir dadurch natuerlich nicht, denn in England habe ich auch jede Woche Kohle nach Hause gebracht.
In London war mein Kuehlschrank immer voll, ich hatte immer Brot, Steaks, Milch, Kaffee und Saft im Haus. Lidl war nicht weit und hungern musste keiner. Hier gehe ich mit meinen 200 Kronen zum Supermarkt und darf mir ueberlegen ob es die Eier zum Fruehstueck sein sollen, oder die Tafel Schokolade, denn fuer beides reicht es nicht..
Unsere Beziehung hat darunter gelitten. In London habe ich immer alles geregelt und es fehlte uns an nix. Hier ist meine Freundin am Druecker, mir sind die Haende gebunden, und davon, in der Bude festzusitzen und teilweise nicht mal was zu fressen zu haben, wird meine Laune nicht besser.
Den ganzen Winter lang die Dunkelheit und Kaelte ist auch laecherlich. Ich habe immer noch Schnee vor der Tuer und es ist fast April. Haette ich nicht meinen Computer und Internet, waere ich bestimmt schon lange vollkommen bekloppt geworden.
Ich nehme mein Leben jetzt wieder in die Hand und gehe nach London zurueck. Das ist zwar auch ein hartes Pflaster, aber ich komme dort zurecht. Ein Job ist dort immer zu bekommen. Nach ersten Telefonaten mit Headhuntern und Personalern bin ich wieder zuversichtlich. Ich habe eine Perspektive dort. Die habe ich hier nicht.
Aber: nach diesem recht negativen Bericht, muss ich doch sagen: ich ziehe den Hut vor allen, die es schaffen, in Norwegen ein lebenswertes Leben an den Start zu schieben. Sagt euch einfach: "Norwegen. Nix fuer jeden. Und das ist gut so."
Ich schuettel meinen Kopf und fahr wieder zur Faehre, nach England, wo die Preise zwar auch hoch, aber nicht hirnrissig sind, und ein Motorrad fuer 1000 Pfund 1000 Pfund kostet und nicht 3500 Pfund. Ich freue mich schon auf den ersten Fry-Up im Cafe mit Schinken, Eiern und Toast, fuer 5 Pfund. Und darauf, wieder selbstverdientes Geld in der Tasche zu haben und nie meine Nachbarn anbetteln zu muessen fuer etwas Brot, Milch, oder Kaffee.
Zu Besuch im Sommer auf kleine Motorrad- und Wandertour werde ich sicher immer gerne wiederkommen, wenn ich das entsprechende Kleingeld uebrig habe, aber hier zu wohnen ueberlasse ich gerne anderen. Jetzt wo ich mal am eigenen Leib erlebt hab, wie es ist, ein halbes Jahr eingeschneit zu sein, bin ich nicht mehr so arg neidisch auf die Norweger und ihren ach so tollen Lebensstil..
Hilsen,
- Stefan





